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Interview: Diese Trends prägen die Logistik 2019

Marktreife selbstlernende Roboter sind keine Fiktion, sagt ILS-Präsident Peter Spycher. «Ich denke, in den nächsten fünf Jahren ist das wahrscheinlicher als in zehn Jahren. Pilotprojekte laufen, alle Marktakteure forschen und entwickeln in diese Richtung.»

Automatische Kommissionierer: Roboter wie dieser stellen in Warenlagern Bestellungen zusammen.

Peter Spycher, Präsident des Branchenverbands Intralogistik Schweiz, über den Trend zu kleinen, häufigen Bestellungen, ein aktuelles Pilotprojekt mit Robotern und Chancen für KMU, mit einigen Kniffen bis zu 30 Prozent in der Logistik einzusparen.

Welche Trends werden im Logistikbereich dieses Jahr und die nähere Zukunft prägen?

Die grossen Themen sind Robotik und Digitalisierung, fahrerlose Transportsysteme (FTS) und der Trend zu kleinen Bestellmengen.


Die Leute kaufen häufiger und dafür jeweils geringere Mengen?

Das gilt besonders für die Jüngeren. Sie kaufen spontaner als Ältere und Sie wollen ihre Bestellung am besten sofort. Die Zustellzeit ist oft der entscheidende Faktor, noch wichtiger als der Preis.


Welche Auswirkungen hat dieses geänderte Kaufverhalten?

Die Folgen und Umwälzungen sind brutal. Und sie betreffen bei weitem nicht nur Unternehmen, die im Endkundengeschäft tätig sind, wie die bekannten Onlinehändler Digitec, Amazon oder Zalando. Die Einführung der Fallpauschalen bei Spitalbehandlungen hat einen ähnlichen Effekt: Weil jede Behandlung individuell abgerechnet wird, werden medizinische Komponenten in exakt der für den konkreten Fall benötigten Menge bestellt. Die Spitäler halten kaum mehr Material an Lager. Dadurch kommt es zu häufigeren, kleineren Bestellungen.


Wie können Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren?

Kleine Unternehmen haben eher noch die Möglichkeit, diese Veränderung durch angepasste Arbeitsprozesse abzufangen. Ein Unternehmen, das innerhalb kurzer Zeit sehr viel mehr Bestellungen erhält und dann pro Stunde zum Beispiel 500 Bestellungen bearbeiten muss, ist gezwungen, entsprechende Logistiksysteme zu haben, um dies bewältigen zu können.


Welche Rolle spielt E-Commerce bei der Entwicklung hin zu immer häufigeren Bestellungen?

Eine ganz zentrale Rolle, denn es macht das Bestellen so einfach. Vor rund zehn Jahren war E-Commerce etwas Exotisches. Heute sind wir bei einem Anteil am gesamten Handelsvolumen von gegen zehn Prozent. Die Erfahrung zeigt, dass eine Handelsform exponentiell zunimmt, sobald sie auf einem Markt diese Schwelle erreicht hat.

Zalando: Ende des Gratisversands bei Bestellwert unter 25 Euro in Italien


Dann wird auch die Zahl der Micro-Bestellungen sprunghaft zunehmen?

Wenn es so weiter gehen würde wie bisher, dann ja. Es gibt jedoch auch bremsende Faktoren. Zalando beispielsweise hat in vielen Märkten Bestellungen bisher gratis versendet. Dadurch sind die Bestellmengen gesunken und die Zahl der Bestellungen ist stark gestiegen. Man kauft nicht ein Paar Schuhe, zwei T-Shirts und eine Hose für insgesamt 300 Franken, sondern bestellt einzeln, vielleicht über den Zeitraum einer Woche hinweg. In Italien hat Zalando ganz aktuell reagiert und berechnet 3.50 Euro Transportkosten, wenn der Bestellwert unter 25 Euro liegt, um einen zusätzlichen Beitrag an die Prozesskosten zu generieren.


Sie erwähnten eingangs auch Roboter und selbstfahrende Fahrzeuge. Welche Bedeutung haben diese in der künftigen Logistik?

Sie spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Denn einerseits wird Schnelligkeit wie erwähnt immer wichtiger und andererseits ist es schwierig, Personal für gewisse Tätigkeiten zu finden, bei denen zum Beispiel Nachtarbeit oder Arbeit in Kühllagern erforderlich ist und für die gleichzeitig eher niedrige Löhne bezahlt werden.


Wo könnten selbstfahrende Fahrzeuge zum Einsatz kommen?

Wenn Sie am Flughafen den Koffer einchecken, wird es in Zukunft möglich sein, dass ein selbstfahrendes Fahrzeug diesen Koffer autonom an einen definierten Bestimmungsort bringt, im Extremfall sogar bis zum Flugzeug. Der Transport wird dadurch von einer fest installierten Fördertechnik komplett entkoppelt, alles ist mobil (dieses Video zeigt ein Beispiel). In der Gegenwart findet man selbstfahrende Fahrzeuge zum Beispiel in der Kleinpaketverteilung in den Verteilzentren von Postunternehmen. In China ist das schon Realität.


Wie sieht es beim Einsatz in Warenlagern aus, wie es sie auch in vielen Schweizer Unternehmen gibt?

Selbstfahrende Fahrzeuge könnten die Kommissionierung von Waren übernehmen. Das Fahrzeug fährt im Lager zur Palette mit den Waren, entnimmt die gewünschte Menge und legt sie in das Paket für den Versand.

Aktuelles Pilotprojekt bei Würth: Roboter als Kommissionierer


Dadurch würde das Picking, die Zusammenstellung von Bestellungen durch Menschen, von Maschinen übernommen.

Die Entwicklung läuft, wenngleich es hier noch technische Probleme zu bewältigen gilt. Wenn die Ware auf einer Palette zum Beispiel nicht gleichmässig aufgestapelt ist, muss der Roboter sie ja trotzdem erkennen und entnehmen können. Auch an sogenannten kollaborativen Robotern wird gearbeitet. In Finnland bei der Firma Würth läuft aktuell ein entsprechendes Pilotprojekt.


Was sind kollaborative Roboter?

Das sind Roboter, die auf der gleichen Fläche wie Menschen arbeiten können, zum Beispiel in einer Lagerhalle. Kommt ein Lagermitarbeiter einem Roboter nahe, reduziert dieser seine Geschwindigkeit, damit die Sicherheit gewährleistet bleibt. Kollaborative Roboter übernehmen zudem relativ komplexe Aufgaben. Um im konkreten Beispiel der Firma Würth zu bleiben: Würth betreibt ein Behälterlager, die Zusammenstellung von Bestellungen erfolgt über zwei Förderstrecken. Die eine befördert den Behälter für die komplette Bestellung. Eine zweite Förderstrecke befördert die Warenbehälter mit den einzelnen bestellten Waren aus dem Lager. Der Roboter nimmt dann aus jedem herangeförderten Warenbehälter die gewünschte Menge und legt diese in den Bestellbehälter, bis die Bestellung komplett ist (dieses Video zeigt das System). Hier spielt übrigens auch das Thema künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle: Die Roboter, oder besser: die Software in ihnen, lernt nämlich ständig dazu, zum Beispiel, wie sich ein bestimmtes Produkt, etwa eine spezielle Schraube, am besten und schnellsten greifen lässt. Vor Kurzem hatten wir an einer Messe an unserem Stand einen Roboter, der Pakete von einer Kiste in eine andere gelegt hat. Diese Maschine war darin morgens sehr schlecht, abends hingegen sehr effizient. Sie hat den Prozess den Tag über sehr oft wiederholt und jedes Mal dazugelernt.


Wann werden solche Roboter in der Schweiz marktreif und bezüglich Kosten auch für KMU eine echte Option sein?

Wie erwähnt: Die ersten Pilotprojekte laufen, alle Akteure forschen und entwickeln in diese Richtung. Ich denke, in den nächsten fünf Jahren ist das wahrscheinlicher als in zehn Jahren.


Sind die Trends, die Sie beschreiben, in bestimmten Branchen besonders stark?

Nein, davon sind alle Branchen in sehr ähnlicher Intensität erfasst. Die Konsumenten haben sich daran gewöhnt, dass Unternehmen jedes Produkt schnell liefern. Diese Erwartung haben sie weiterhin, selbst wenn nun sehr viel mehr Bestellungen verarbeitet werden müssen. Dieses System stösst nun an Grenzen, weil nicht jedes Unternehmen in der Lage ist, diese Erwartung unter den neuen Gegebenheiten zu erfüllen.


Wo steht die Schweiz bei der Entwicklung und beim Einsatz von Robotern in der Logistik?

Das Interesse ist da. Viele Firmen allerdings haben diese Entwicklung noch nicht verinnerlicht. Man scheut teils die Kosten und sieht nicht das ganze Potenzial.

Chancen für Schweizer KMU: Bis zu 30 Prozent mehr Effizienz in der Logistik


Was können Schweizer Unternehmen tun, um auf die genannten Entwicklungen vorbereitet zu sein?

Grundsätzlich muss jedes Unternehmen seine Logistikprozesse und Arbeitstechniken genau anschauen und gründlich überlegen, wie es diese verbessern und effizienter gestalten kann. Nicht jeder Betrieb muss automatisieren. Wenn es zum Beispiel in einem Lager lange Laufwege gibt, kann man unter Umständen mit einem zentral platzierten Picktower für bestimmte, häufig nachgefragte Waren, Laufwege reduzieren. Der Einsatz von kleinen Kommissionier-Flurförderzeugen ist oft ebenfalls eine sehr wirksame Unterstützung.


Wo liegen für KMU die grössten Optimierungspotenziale?

Automatisierung bringt nur dann etwas, wenn gute Prozesse und Arbeitsabläufe vorhanden sind und diese durch den Einsatz von Maschinen beschleunigt werden. Bei vielen Firmen besteht jedoch Handlungsbedarf nach einer generell besseren Logistik. Das hat dann mit Automatisierung eher wenig zu tun.


Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Lasten sollten mit Hilfsmitteln bewältigt werden – in vielen Schweizer Betrieben werden nach wie vor extrem viele Kilos manuell bewegt. Weitere Punkte sind genauere Lagerbestände, schnellere Kommissionierung, halten Sie keine Daten auf Papier fest, sondern erfassen Sie alles digital. Allein dieser Punkt führt in der Regel zu einer Effizienzsteigerung in der Logistik von 20 bis 30 Prozent.


Peter Spycher ist seit 2017 Präsident des Branchenverbands Intralogistik Schweiz. Hauptberuflich arbeitet er als Director Business Development bei Vanderlande, einem international tätigen Unternehmen für Logistikprozessautomation.

 

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